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In der Höhle am Fuße des Funkelgebirges war es an diesem Morgen ungewöhnlich still. Der kleine Drache Kuno saß auf seinem Bett aus weichem Moos und starrte auf seine Tatzen. Heute war ein ganz besonderer Tag, ein Tag, auf den sich alle kleinen Drachen im Tal seit Wochen freuten: Der erste Schultag in der Drachenschule 'Feuerschweif'. Doch Kuno hatte einen dicken Kloß im Hals. Während seine Freunde Ignaz und Flämmchen bereits gestern stolz ihre ersten kleinen Rauchwolken präsentiert hatten, kam aus Kunos Maul rein gar nichts – außer vielleicht ein winziges, feuchtes Pusten.
„Kuno, Liebling, das Frühstück ist fertig! Es gibt geröstete Lavasteine“, rief seine Mutter aus der Küche. Kuno seufzte. Er liebte Lavasteine, aber heute hatte er keinen Appetit. Er trat vor den großen Spiegel im Flur. Er sah eigentlich aus wie ein ganz normaler Drache: Er hatte smaragdgrüne Schuppen, goldene Zacken auf dem Rücken und einen kräftigen Schwanz. Aber tief in seinem Inneren fühlte er sich wie ein Hochstapler. Ein Drache, der kein Feuer spucken kann? Das war wie ein Vogel, der nicht fliegen konnte.
„Was ist, wenn die Lehrerin mich bittet, die Willkommenskerze anzuzünden?“, fragte Kuno leise, als er sich an den Küchentisch setzte. Sein Vater legte ihm eine große Tatze auf die Schulter. „Jeder Drache findet sein Feuer auf seine eigene Weise, Kuno. Manche sind Frühzünder, andere brauchen etwas länger. Mach dir keine Sorgen.“ Doch Kuno machte sich Sorgen. Große Sorgen.
Der Weg zur Schule war gesäumt von flatternden Wimpeln. Überall sah Kuno andere Drachenkinder, die aufgeregt mit ihren Flügeln schlugen. Ignaz, ein kräftiger roter Drache, stieß einen kleinen Feuerstrahl in die Luft. „Schau mal, Kuno! Ich kann schon einen Kreis brennen!“, rief er stolz. Kuno lächelte gequält und hielt seine Schultüte fester umschlungen. In seiner Tüte waren keine Kohlen oder Streichhölzer, sondern Malstifte und ein weiches Tuch.

Die Schule befand sich in einer riesigen, kühlen Grotte. Frau Funkenschlag, eine beeindruckende Drachendame mit einer Brille auf der Schnauze, begrüßte die neue Klasse. „Willkommen, kleine Drachen! Heute beginnt euer Abenteuer. Wir werden lernen, wie man Gold hütet, wie man elegant landet und natürlich – die Kunst des Feuerspuckens.“ Bei dem letzten Wort rutschte Kuno tiefer in seine Steinbank.
Die erste Stunde verging wie im Flug. Sie lernten die Drachen-Alphabet-Runen und Frau Funkenschlag erzählte Geschichten von den alten Himmelsstürmern. Doch dann kam die Pause. Die Sonne brannte heiß über dem Pausenhof, der mit trockenem Farn und alten Kiefernnadeln bedeckt war. Die kleinen Drachen waren übermütig. Sie wollten zeigen, was sie konnten. „Wer spuckt die höchste Flamme?“, rief Ignaz.
Einer nach dem anderen traten die Drachen vor. Es zischte und knackte. Kleine Flammen tanzten in der Luft. Doch dann passierte es: Brumm, ein etwas tollpatschiger blauer Drache, musste niesen. Und wenn ein Drache niest, hat er keine Kontrolle über sein Feuer. Ein gewaltiger, heißer Strahl schoss aus seiner Nase, direkt in einen Haufen aus trockenem Reisig und Farnen, der neben dem hölzernen Spielturm lag.
Innerhalb von Sekunden fraßen sich die Flammen durch das trockene Material. „Oje!“, schrie Flämmchen. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus und die Hitze wurde unerträglich. Frau Funkenschlag war gerade im Schulgebäude, um neue Kreide zu holen. Die kleinen Drachen wichen verängstigt zurück. „Wir müssen es ausbrennen lassen!“, rief jemand. Aber der Spielturm fing bereits an zu qualmen.

Kuno spürte ein seltsames Kribbeln in seinem Bauch. Es war nicht die Angst, die er den ganzen Morgen gespürt hatte. Es war ein Drang, zu helfen. Er rannte auf das Feuer zu. „Kuno, geh weg! Du verbrennst dich!“, schrie Ignaz. Doch Kuno hörte nicht. Er stellte sich direkt vor die lodernden Flammen, holte tief Luft und konzentrierte sich auf das kühle Gefühl, das er oft in seiner Brust spürte, wenn er am Wasserfall spielte.
Er öffnete das Maul und stieß ein kräftiges „HAAAA-PUHHH!“ aus. Doch anstelle von Feuer kam ein gewaltiger Schwall aus glitzerndem, eiskaltem Wasser und dichtem, feuchtem Nebel aus seinem Hals. Es war wie ein eingebauter Feuerwehrschlauch. Das Wasser löschte die Flammen im Nu, und der dichte Nebel kühlte das erhitzte Holz des Spielturms sofort ab. Es zischte laut, weißer Dampf stieg auf, und kurz darauf war nur noch das leise Tropfen des Wassers zu hören.
Stille herrschte auf dem Pausenhof. Alle starrten Kuno an, der selbst ein wenig überrascht war. Seine Schuppen glänzten feucht. Frau Funkenschlag kam atemlos aus der Grotte gerannt. Sie sah den nassen Boden, den geretteten Spielturm und Kuno, aus dessen Mund noch ein letztes, kleines Seifenbläschen schwebte.
„Ein Wasserdrache!“, rief sie erstaunt aus. „Kuno, das ist eine der seltensten und wichtigsten Gaben in unserer Welt.“ Sie trat auf ihn zu und legte ihm bewundernd eine Tatze auf den Kopf. „Während wir anderen nur zerstören oder wärmen können, besitzt du die Gabe des Schutzes und der Heilung. Ohne dich wäre unser schöner Spielplatz jetzt Asche.“
Die anderen Drachenkinder jubelten. Ignaz kam herüber und klopfte Kuno auf den Rücken. „Mann, Kuno! Das war viel cooler als Feuer! Kannst du das nochmal machen? Es ist so heiß heute!“ Kuno grinste breit. Er holte noch einmal tief Luft und pustete einen feinen, glitzernden Sprühregen über seine Mitschüler, die lachend unter der Abkühlung tanzten.
An diesem Abend saß Kuno wieder auf seinem Moosbett. Er war müde, aber glücklich. Er hatte keine Angst mehr vor dem nächsten Schultag. Er wusste jetzt, dass er kein Feuer brauchte, um ein echter Drache zu sein. Er war Kuno, der Wasserdrache – und genau das war sein ganz persönliches Feuer.
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